web analytics
Specials

Zukunft fürs Land: Kleine Orte – große Ideen

Verschlafen? Von wegen! Kommunen, Unternehmen und Privatleute in Deutschlands ländlichen Regionen packen eine Menge an, um ihre Heimat noch lebenswerter zu machen.

Wie viel Zukunft steckt im Land?

Das fragen sich viele angesichts der Idylle vermeintlich verträumter Gemeinden. Auf den zweiten Blick wird klar: Wer will, kann mit neuen Ideen und viel Engagement auch zwischen Stallgasse und Stoppelfeld richtig was bewegen – egal ob für den Weltmarkt oder für die Nachbarschaft. Das beweist ein Ausflug in zwei fortschrittliche Ortschaften im Herzen von Bayern und Niedersachsen.

Freie Fahrt Richtung Zukunft: Verlässliche Betreuungsangebote wie im Windacher Kindergarten St. Martin halten auch kleine Gemeinden für Familien attraktiv.
Altes Haus, neue Idee: Den historischen Hof, in dem der Dorfladen untergebracht ist, haben die Mitglieder selbst mit modernisiert.
Weiter Himmel – weite Horizonte: Rund um die Orte Windach und Otersen führen die Landstraßen in Richtung Innovation.

Die Landschaft schmiegt sich an den Horizont wie eine weiche Patchworkdecke. Sanft schlängelt sich die Straße zwischen Rechtecken in Braun, Gelb und Grün hindurch, hier und da unterbrochen von einem Zwiebel-Kirchturm. Reisende, die knapp 25 Kilometer vor München die Autobahn 96 verlassen, erwartet ein wahres Natur-Paradies.

Wer hier lebt, verbringt seine Freizeit beim Segeln auf dem nahen Ammersee oder beim Skifahren in den Alpen – und arbeitet nicht zwangsläufig in der City. „35 Prozent der Bürger haben Jobs in der Region“, sagt Walter Graf, Bürgermeister der Gemeinde Windach im bayrischen Landkreis Landsberg. Landwirtschaft spielt dabei eher eine kleinere Rolle. Vielmehr arbeiten die Menschen in Geschäften im Ort selbst. Oder sie sind im größten Unternehmen der Umgebung beschäftigt: der Firma Delo, Hersteller hochmoderner Hightech-Klebstoffe, die unter anderem verschiedene Teile jedes zweiten Mobiltelefons zusammenhalten.

Hightech im Grünen

Mit seiner puristischen Architektur und den hohen Fenstern erinnert der Delo-Geschäftssitz mit angeschlossener Produktion eher an ein Wellness-Hotel. Statt einer Wohlfühl-Oase verbirgt sich in dem hellen Gebäude zwischen dunkelgrünen Äckern ein so genannter Hidden Champion, ein mittelständisches Unternehmen, das nicht übermäßig bekannt, auf seinem Gebiet aber Marktführer ist. Seit zehn Jahren floriert die Firma zwischen Feldern und Wiesen. „Der Anfang war nicht ganz einfach“, gibt Bürgermeister Graf zu. Damals fürchteten die Windacher Grundwasserverschmutzung durch Chemikalien oder sogar eine Explosion. Doch Graf blieb ruhig. So wie es seine Art ist. Er nahm die Skepsis ernst, ohne dabei die große Chance für seine Gemeinde aus den Augen zu verlieren: Eine Firma wie Delo bringt Bewegung in den ländlichen Raum – und Geld.

„Wir sind immer eine steuerschwache Gemeinde gewesen, einige Zeit sogar hoch verschuldet“, sagt Graf. „Mit der Firma Delo haben wir eine Gewerbesteuergrundlage geschaffen und sind jetzt schuldenfrei.“ Und das, ohne extra ein eigenes Industriegebiet ausschreiben zu müssen. „Es ist wichtig, dass kleinere Unternehmen direkt im Ort ansässig bleiben“, weiß er. „Damit das Dorf nicht ausstirbt oder zum reinen Schlafdorf wird.“ In Windach ist das Gegenteil der Fall. Statt Landflucht herrscht Bevölkerungsdruck. Mehr und mehr junge Familien ziehen in den Ort, der immer wieder Neubaugebiete erschließt. Die drei Kindergärten der Kommune sind voll ausgelastet.

Wohnortnahe Betreuung ist ganz wichtig!

Aufklärung statt Alleingang

„Wohnortnahe Betreuung ist ganz wichtig“, findet auch Sabine Herold. Von ihrem Büro aus hat die Delo-Geschäftsführerin einen weiten Blick über das Land der Gemeinde. Und deren Wohl hat die Top-Unternehmerin mit dem festen Händedruck und dem offenen Lachen stets im Hinterkopf. Schon lange bevor ihr Betrieb nach Windach kam, hat sie die Bürger informiert und aufgeklärt. Heute erzählt sie hin und wieder am nahen Gymnasium von ihrem Berufsalltag, lädt zum Schnuppertag ins Unternehmen ein – und nimmt ihre Verantwortung für die Gemeinde ernst. Das große Firmen-Logo, das direkt vor dem Delo-Gebäude auf der Wiese steht, nachts aus Imagegründen anzustrahlen, das käme für die nicht in Frage. Denn das Licht könnte die Anwohner stören. Ähnlich umsichtig geht Herold mit ihren Mitarbeitern um. Ein anstrengender Drei-Schichten-Betrieb beispielsweise käme für die mehr als 400 Angestellten nicht in Frage. „Und wenn China noch so viel Klebstoff aus Windach will“, sagt sie entschieden. „Was man vermeiden kann, das lässt man. Dass wir mitdenken, hat sich sehr bewährt.“

Ebenso bewährt hat sich der Standort im Grünen. Nicht nur bei Delos Geschäftspartnern auf der ganzen Welt. Auch die Mitarbeiter schätzen die ländliche Lage: Durch die Nähe zur Autobahn ist Windach perfekt an München angebunden. Wer aus der Region kommt, fährt meistens mit dem Rad zur Firma. Zum Beispiel aus einem der Neubaugebiete, deren Bewohner in Windach für einen ausgewogenen Altersdurchschnitt sorgen: Die Anzahl der Senioren ist in etwa genauso hoch wie die der unter 18-Jährigen. Das ist nicht selbstverständlich. Damit es so bleibt, investiert die Gemeinde in Angebote für junge Leute. Die Firma Delo unterstützt mit einem Teil ihrer Überschüsse kulturelle Einrichtungen – und die Kindergärten im Ort. Der Nachwuchs ist es schließlich, der die Dorfgemeinschaft lebendig hält.

Idyllisch: Wer aus Windach kommt und das Gymnasium besuchen will, geht meistens nach St. Ottilien. Die Schule liegt in einem altehrwürdigen Kloster.
Gemütlich: Dann und wann kann die Kindergarten-Einrichtung mit Hilfe von Spenden der Firma Delo noch aufgestockt werden.

Selbst ist das Dorf

Auch 733 Kilometer weiter nördlich, im niedersächsischen Otersen, spielen die Kleinen eine große Rolle. Obwohl die 520-Seelen-Gemeinde zwischen Verden und Celle viel kleiner und abgelegener ist als Windach in Bayern, hat auch Otersen vor einigen Jahren ein Neubaugebiet ausgewiesen. Zwischen Getreidefeldern und Mischwald leben wie in Windach viele Familien mit Kindern – nicht nur, weil die idyllisch gelegenen Bauplätze bestechend günstig sind. Sondern vor allem, weil die Gemeinde hat, was in vielen anderen Dörfern dieser Größenordnung fehlt: vielfältige Einkaufsmöglichkeiten.

Als im Jahr 2000 der letzte traditionelle Lebensmittelladen im Dorf schloss, setzten die Bürger alles daran, ihre Nahversorgung selbst zu sichern. Sie gründeten die „Bürgerinitiative Dorfladen“: 60 Gesellschafter investierten je 250 Euro in die kleine Aktiengesellschaft und machten das Geschäft so zum persönlichen Einkaufsparadies für jede und jeden. Heute kommen bis zu 200 Kunden täglich. Mittlerweile schreibt der Dorfladen schwarze Zahlen. Vor zwei Jahren musste die Verkaufsfläche sogar erweitert werden. Der Laden zog an einen neuen, größeren Standort – in ein historisches Bauernhaus.

Neue Ideen für alte Baudenkmäler

Solche Rotklinker-Fachwerkgebäude gibt es viele in Otersen. 32 historische Höfe gelten bereits als Baudenkmäler. Steht eines leer, wird es umgebaut. „Wie die alte Schule. Da ist der Kindergarten drin. Und in einem anderen ungenutzten Gebäude haben wir jetzt unser Fitnessstudio. Die Mucki-Bude, wie man auf dem Dorf sagt“, erzählt Günter Lühning. Freundlich grüßt der Vorsitzende der Bürgerinitiative Dorfladen eine Kundin und winkt dann in Richtung Hauptstraße, wo zwei Radler vorbeifahren. Er kennt fast jeden im Ort. Den neuen Laden hat er selbst saniert. Zusammen mit anderen Otersern aller Generationen.

Wo einst das Scheunentor gewesen sein muss, öffnet sich heute vollautomatisch eine grün gefasste Glastür. Dahinter erstreckt sich viel mehr als ein Tante-Emma-Laden: Gleich im Eingangsbereich befindet sich die Frischetheke. Ein paar Schritte weiter bietet das Weinregal auf fünf hölzernen Etagen eine Auswahl von Rotem über Bio-Bianco bis hin zu fertiggemixten Cocktails. Ganz hinten dann das volle Supermarktsortiment. „Wir fahren eine Zwei-Produktstrategie“, erklärt Lühning. „Wir haben immer einen Markenartikel und eine preisgünstige Alternative. So dass wir auch mit den Supermarktpreisen mithalten können.“

Praktisch: Mit dem Auto in die nächste Stadt zu fahren, ist für viele ältere Kunden undenkbar. Oft bleiben sie im Dorfladen noch auf einen Plausch.

Treffpunkt Dorfladen

Noch wichtiger als das Preisleistungsverhältnis ist im Otersener Dorfladen das Zwischenmenschliche. Denn in den meisten Dörfern, in denen Geschäfte, Schulen, Gasthöfe, Bibliotheken oder sogar Kirchen schließen, fehlt meist auch ein Bürgertreffpunkt. Dass der unverzichtbar für den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft ist, weiß Petra Hünecke-Zarbock. Sie arbeitet festangestellt im Dorfladen, zu dem seit Kurzem auch ein Café gehört. „Gerade ältere Bürger kommen hier einfach mal auf ein Gespräch rein“, erzählt sie und lächelt. „Diese persönliche Ebene macht meine Arbeit aus. Ich könnte mir nicht vorstellen, hinter einer Kasse zu sitzen und nur die Ware zu sehen – und nicht den Menschen.“ Hünecke-Zarbocks Lieblingskunde: Ein 90-Jähriger Landwirt aus dem Ort: „Bevor der reinkommt, zieht er erst seine Stallstiefel aus. Er will hier nichts dreckig machen.“

Ländliche Tradition, die in Otersen immer wieder auf Moderne trifft. Mit einer Mischung aus Herzlichkeit und flotten Sprüchen erklärt Hünecke-Zarbock den Dorfladenbesuchern auf Wunsch ein graues Gerät mit grün schimmerndem Monitor, das in der Mitte des Geschäfts steht: den Gesundheits-Terminal. An dem besonders benutzerfreundlichen Computer können Medikamentenrezepte eingescannt werden. Tabletten und Säfte, Pasten und Tees werden dann direkt in den Dorfladen geliefert. „Viele Kunden können selbst nicht mehr Auto fahren“, weiß die Verkäuferin. An dem Computer mit der extragroßen Schrift aussuchen, was man braucht, das könne dagegen eigentlich jeder.

Sonnengekühltes Eis

Für Bürgerinitiativen-Chef Lühning war sofort klar, dass das neue Gerät in Otersen ausprobiert wird. „Da spricht nichts gegen“, sagt er. Nicht mal die steigenden Strompreise. Denn im Dorfladen kommt die Energie direkt vom Dach, das für die neue Photovoltaikanlage extra nach Süden ausgerichtet wurde. 98 Prozent des gewonnenen Stroms nutzt der Dorfladen direkt. „Wir verkaufen hier quasi sonnengekühltes Eis“, sagt Lühning und grinst.

Ein Dorfladen, der sich selbst mit Energie versorgt: Das wäre auch im bayrischen Windach möglich. Denn der Landkreis Landsberg ist der sonnigste der Republik. Und ausgeschlafene Querdenker mit erfrischenden Ideen findet man schließlich überall im ländlichen Raum – ganz gleich ob sie nun im Vorbeigehen „Moin moin“ oder „Servus“ rufen.

Fotos © Ailine Liefeld | außer Bild 1 © DELO

Weitere News & Stories aus Specials

querfeldein-innovation-oekomodell-ev-7657

Von Kindern, Kunst und Land

Die Künstlerin Angelika Janz erzählt, wie sie mit der KinderAkademie jungen Landbewohnern die Kunst näherbringt.

Über uns

Die Initiative: „Deutschland – Land der Ideen“

„Deutschland – Land der Ideen“ ist die gemeinsame Standortinitiative der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft, vertreten durch den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Gemeinsam engagieren sich Partner aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft dafür, weltweit für die Attraktivität des Standorts Deutschland zu werben und Innovationen aus Deutschland zu mehr Bekanntheit im In- und Ausland zu verhelfen. Mit ihren Projekten und Wettbewerben will die Initiative Menschen ermutigen, ihre spannenden Ideen der Öffentlichkeit vorzustellen.

Der Partner: Die Deutsche Bank

Die Deutsche Bank ist Nationaler Förderer des Innovationswettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“. In ihrem Heimatmarkt will sie kreativen Köpfen die Chance bieten, wegweisende Ideen einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und für sie zu werben. Bereits seit 2006 ist sie Partner der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“.