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Im Tal der Ökopioniere

Heimisches Holz als Energiequelle fürs Land? Funktioniert bestens, beweisen die Achentaler. Ihre Bauern entdecken derweil den kurzen Weg zum Kunden. Ein regionales Ökomodell mit Vorbildcharakter.

Das Land zwischen Chiemsee und Voralpen ist bekannt für seine türkisfarbenen Seen und vielen Sonnenstunden. Heute hüllen sich die Wipfel jedoch in schwere Wolken. Hier, zwischen den Bergen und dem See, liegen die neun Dörfer des Achentals friedlich beieinander. Das war nicht immer so.

„Früher hat es hier viel Neid gegeben“, sagt Fritz Irlacher mit dem rollenden Timbre seiner bayerischen Heimatregion. Er meint die alte Konkurrenz zwischen den Dörfern. Die Zeit, als die eine Gemeinde die andere lieber scheel als freundlich ansah. Doch Irlacher, Altbürgermeister des 1.700-Einwohner-Örtchens Schleching, hat vor 15 Jahren eine außergewöhnliche Idee auf den Weg gebracht, die die Dörfer heute vereint: das Ökomodell Achental. Der Verein treibt die Umstrukturierung der neun Gemeinden Richtung Regionalwirtschaft voran. Bürger und Kommunen setzen dabei strikt auf Nachhaltigkeit, um die intakte Natur der Region und Arbeitsplätze gleichermaßen zu sichern.

Allianz rund ums Holz

Seit der Gründung des Ökomodells ziehen die Achentaler an einem Strang – von gemeinsamen Tourismusangeboten bis zur Förderung lokaler Bio-Produkte. Nicht zu vergessen das neue Konzept für die Energieversorgung des Tals: eine Allianz rund ums Holz. Denn davon gibt es im Achental mehr als genug.

Der ehemalige Bürgermeister steht neben Hügeln und Bergen von Holz auf dem „Biomassehof Achental“: Gehäckseltes Holz, das der Radlager in einen hausgroßen Container schaufelt, Scheite für das Kaminfeuer, gepresste Briketts für die alten Kachelöfen und Schüttungen von bleistiftdünnen Pellets für moderne Zentralheizungen. Irlacher ist 73, ein freundlicher älterer Herr im hellblauen Hemd, der die Tagespolitik und die Verwirklichung seiner Vision für die Region längst in jüngere Hände gelegt hat: Eigener Strom und eigene Wärme. Aus dem Achental für das Achental.

Im Biomassehof Achental wurden im vergangenen Jahr 60.000 Kubikmeter Holz umgeschlagen. Der Umsatz lag bei rund 4 Millionen Euro.

Biomassehof wirtschaftet mit Holz aus der Region

Die dunklen Mischwälder aus Buchen, Fichten und Tannen ziehen sich von der Ebene aus die Bergflanken der Voralpen hinauf. „Das Holz, was wir hier nutzen, stammt alles aus einem Umkreis von 50 Kilometern“, sagt Irlacher stolz. Die Hälfte der Region Achental ist bewaldet: Etliche große Sägewerke und Tischlereien gibt es hier, die Bayerischen Staatsforste bewirtschaften die meisten Wälder südlich des Chiemsees. Und die Forstleute verkaufen immer mehr Holzreste an den „Biomassehof Achental“, wo das Holz gelagert, getrocknet und weiterverkauft wird. 60.000 Kubikmeter Holz wurden 2013 über den Hof umgeschlagen. Der Umsatz lag bei rund 4 Millionen Euro.

Der Biomassehof ist dabei weit mehr als ein bloßes Verteilzentrum für Waldprodukte. Er ist ein von den Achentaler Dörfern gegründetes und gelenktes Unternehmen, das einem großen Ziel dient: Die Region soll energieautark werden. Die meisten der 32.000 Bürger der Region Achental stehen hinter dem Projekt. Weil sie von ihm profitieren.

Heizwerk statt Recyclinghof

Denn hinter den überdachten Holzbunkern des Hofes versteckt sich das Herz des Betriebs in einem mit viel – natürlich – Holz verkleidetem Gebäude. Wolfgang Wimmer öffnet die Tür in das Heizwerk der Wärmeversorgung Grassau und lässt seine Gäste durch ein dick verglastes Bullauge auf eine Wand aus Feuer blicken. „In diesem Heizkessel erzeugen wir die Wärme für rund 300 Häuser, ein Hotel und einige Gewerbebetriebe“, ruft er über den Lärm der Maschinen hinweg.

Wimmer ist der Geschäftsführer des Biomassehofes Achental, der das kommunale Heizwerk betreut und mit Reststoffen aus den umliegenden Wäldern beliefert. Allein die 2.000 Kubikmeter gehäckselter Strauch- und Baumschnitt aus den privaten Gärten der Bürger reichten aus, sagt Wimmer, um 40 Haushalte das ganze Jahr über mit Wärme zu versorgen. „Früher mussten die Leut’ für die Beseitigung ihrer Gartenreste beim Recyclinghof Geld bezahlen. Heute geben sie einen Brennstoff ab und sparen die Gebühren.“

„Nahwärmenetz“ lautet das Zauberwort

14 Kilometer lang führen die Leitungen mit dem warmen Wasser vom Heizkessel aus in den nahen Ort Grassau hinein. Insgesamt hängen schon 700 Haushalte, ein 4-Sterne-Hotel mit Golfanlage und die Häuser der Kommunalverwaltung an der neuen Wärmeversorgung. Und die Gemeinde hat beschlossen, das Netz noch einmal zu erweitern. Langfristig sollen alle 2.000 Haushalte des Ortes angeschlossen werden. In der Region stellen derweil noch weit mehr Menschen ihre Energieversorgung auf Holz um: Rund 3.500 Haushalte haben ihre alten Ölheizungen ab- und dafür Heizkessel angeschafft, in denen sie die Holzpellets des Biomassehofs verfeuern.

Energieautarkie in greifbarer Nähe

Bereits heute ist das Achental vor allem durch die kleinen und großen Holzöfen zu einem guten Teil selbstversorgt. Bei 30 Prozent der Wärmeversorgung lag die Quote schon 2012. Durch die Solaranlagen in der Gegend und die Wasserkraft erreichte die Eigenversorgung bei Strom sogar 38 Prozent. Zum Vergleich: Bundesweit liegt der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung bei knapp einem Viertel.

Insgesamt hängen schon 700 Haushalte, ein 4-Sterne-Hotel mit Golfanlage und die Häuser der Kommunalverwaltung an der neuen Wärmeversorgung.

Das Achental will dabei nicht stehen bleiben: In zehn Jahren soll die Eigenversorgung auf 80 Prozent gestiegen sein. Die Planungen für vier kleine Wasserkraftwerke in der Achen, die dem Tal den Namen gibt, haben begonnen. Damit der Naturschutz nicht zu kurz kommt, sind Fischtreppen geplant, die Regenbogenforellen, Eschen, Nasen und Koppen den Weg offen halten. Sogar die noch vereinzelt vorkommenden Seeforellen sollen weiter vom Chiemsee zum Laichen Richtung Österreich ziehen können.

Wärme aus Holz und Strom vom Hausdach: Die Energieversorgung war nicht der wichtigste Grund, warum der alte Bürgermeister Fritz Irlacher vor 15 Jahren die Gemeinden zu mehr Zusammenhalt anstiftete. Seine Sorge galt damals auch den kleinen Bauern. Die ächzten unter steigenden Kosten, konnten immer seltener vom traditionellen Viehbestand leben. Es drohten die Abwanderung der jungen Landbewohner und der Verfall der Höfe. Das regionale Holz zu nutzen war naheliegend. Schließlich wurden die Höfe hier über Jahrhunderte mit Kachelöfen und Scheitholz gewärmt. Warum nicht zusätzlich den alten Handel in der Region neu beleben, fragte sich Irlacher schon Anfang der 1990er-Jahre.

„Made in Achental“ als regionaler Wirtschaftsmotor

Der Hund bellt. Der alte Sepp´n-Bauer sitzt ungerührt unter den Geranien, die malerisch an den Balkonen seines Bauernhauses blühen. Alle ein bis zwei Tage muss der weit über 80-Jährige sie gießen. Die einzige Aufgabe, für die er auf dem Hof noch zuständig ist. Da er selbst unverheiratet und kinderlos blieb, übergab er den Seppenhof vor 13 Jahren an die Familie Simon.

„Ein Bauernhof war ein Jugendtraum von meinem Mann Alois und mir“, sagt Mareile Simon, die spätberufene Bäuerin, deren Kinder inzwischen längst erwachsen sind und auf dem Hof mitarbeiten. Die kleinen Enkelkinder wuseln zwischen Pferden und Kühen umher, während Mareile Simon den Tisch deckt: Hausmacherwurst vom Pinsgauer Rind – einer alten Rasse, die die Simons auf ihrem Hof halten. Pfefferbeißer vom eigenen Schwein und Würste vom Wild aus den umliegenden Wäldern. Natürlich hat die Bäuerin auch das Brot selbst gebacken.

Kleinbauern bekommen eine Zukunft

Selbstvermarktung – die haben die Simons erst durch die Ökomodell-Initiative entdeckt. Inzwischen kommen täglich Touristen die alte Einfahrt des Seppenhofs herauf, bewundern die Pinsgauer Rinder, Schweine, Hühner, Hund und Katzen – und lassen sich mit einer zünftigen Brotzeit und Kutschfahrten verwöhnen. Im Hofladen bietet Mareile Simon auch Nudeln, Liköre und Marmeladen von anderen Bauern aus der Region an. Insgesamt erwirtschaftet sie rund 120.000 Euro im Jahr. Andere Landwirte verkaufen ihre Waren direkt auf dem Wochenmarkt des Ökomodell-Vereins im Örtchen Grassau. So schaffen es Familienbauernhöfe wieder zum Vollerwerbsbetrieb. Und die Kleinbauern bekommen eine Zukunft.

Man kann nur gemeinsam etwas erreichen

„Man kann nur gemeinsam etwas erreichen“, resümiert Fritz Irlacher, der geistige Vater dieser Achtentaler Regionalwirtschaft. „Die Chancen im eigenen Umfeld hat man in den 80er- und 90er-Jahren überhaupt nicht gesehen.“ Das habe sich gründlich geändert.

Täglich kommen Touristen auf den Hof und lassen sich mit einer zünftigen Brotzeit verwöhnen.

Auf dem Hof der Simons kommt der neu gewählte Bürgermeister einer Nachbargemeinde zur Brotzeit dazu. Er will, dass sich auch sein Örtchen dem Verband der Achental-Dörfer anschließt. „Das hat absolut Vorbildcharakter“, sagt er beeindruckt. „Mir passt das gut“, sagt der wortkarge alte Sepp´n-Bauer unter seinen Geranien.

Das Achentaler Energiekonzept: Warum und für wen es sich lohnt?

Für die Ökomodell-Gemeinden

Am Biomassehof Achental ist neben Heizungsbauern aus der Region und der örtlichen Bank der Verein Ökomodell Achental beteiligt. So kommen die Gewinne des Biomassehofs – 2013 im „hohen fünfstelligen Bereich“ (Wolfgang Wimmer, Geschäftsführer Biomassehof Achental) – auch den Gemeinden zugute.

Für die regionale Wirtschaft

Der Ausbau der Heißwasserleitungen in den Ort Grassau sowie der Aufbau des Biomassehofs zahlten sich für lokale Handwerker und Unternehmer aus. 6 Millionen Euro flossen 2010 in die Infrastruktur.

Für benachbarte Kommunen

Auch gemeindliche Kraftwerke in anderen Achentaler Gemeinden (z. B. Grabenstätt), die ebenfalls in die Holzverbrennung investiert haben, profitierten vom Leitungsausbau. Sie sichern auf diese Weise dauerhaft eine Energieversorgung, die billiger ist als die alte Abhängigkeit von Öl und Gas.

Für die Bürger

Der Heizölpreis stieg in der letzten Dekade jedes Jahr um knapp 15 Prozent. Gleichzeitig legten die Hackschnitzel aus der Region Achental nur um jährlich 2,5 Prozent zu. Heizt man sein Haus mit Öl oder Gas, liegt der Wärmepreis etwa bei 8 Cent je Kilowattstunde. Wärme aus Hackschnitzeln kostet nur 3 Cent. Dadurch rechnen sich auch die Investitionen in teure Hackschnitzel-Kessel und Pelletanlagen.

Für Umwelt und Klima

Früher gaben die neun Gemeinden für Heizöl jedes Jahr rund 20 Millionen Euro aus. Allein durch das Nahwärmenetz in Grassau konnten 2013 1,7 Millionen Liter Heizöl ersetzt und damit fossile Energieressourcen geschont werden.

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Die Initiative: „Deutschland – Land der Ideen“

„Deutschland – Land der Ideen“ ist die gemeinsame Standortinitiative der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft, vertreten durch den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Gemeinsam engagieren sich Partner aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft dafür, weltweit für die Attraktivität des Standorts Deutschland zu werben und Innovationen aus Deutschland zu mehr Bekanntheit im In- und Ausland zu verhelfen. Mit ihren Projekten und Wettbewerben will die Initiative Menschen ermutigen, ihre spannenden Ideen der Öffentlichkeit vorzustellen.

Der Partner: Die Deutsche Bank

Die Deutsche Bank ist Nationaler Förderer des Innovationswettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“. In ihrem Heimatmarkt will sie kreativen Köpfen die Chance bieten, wegweisende Ideen einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und für sie zu werben. Bereits seit 2006 ist sie Partner der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“.